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DIE GESCHICHTE MEINER DEPRESSION

Wegweiser im Abendrot

Der Anfang

Vor etwa 10 Jahren oder vielleicht auch etwas mehr wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, das etwas mit mir nicht stimmte. Ich hatte den Eindruck, dass ich anders bin als die anderen Menschen. Dass ich weniger belastbar bin, dass ich mehr Ruhe brauche, dass ich empfindlicher bin. Ich hatte es damals nicht weiter hinterfragt. Hin und wieder hat es mich aufgeregt und gefrustet. Ich wollte normal sein. Aber die meiste Zeit konnte ich es doch irgendwie annehmen, vielleicht auch eher hinnehmen. Denn für mich war mein Zustand gesetzt, nicht veränderbar.

Rundes Labyrinth im Sand umringt von Meer

Die erste Tagesklinik

Als dann vor 3 Jahren die Trennung von meinem langjährigen Partner kam, bin ich zum Arzt mit der Aussage, dass ich Hilfe brauche. Dass es dieses Mal nicht reicht, einfach nur mal eine Woche krank geschrieben zu sein. Meine Ärztin nahm dies ernst und besorgte mir einen Platz in einer Tagesklinik. Ich denke, dass mir zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal so richtig bewusst wurde, dass ich nicht nur anders bin als andere, sondern dass ich krank bin. In der Zeit, in der ich auf den Platz in der Tagesklinik gewartet habe, habe ich einfach so weitergemacht wie immer. Ich bin arbeiten gegangen, habe meinen Tag gelebt. In der Tagesklinik wurde ich dann das erste Mal in meinem Leben so richtig bewusst ausgebremst. Ich wollte voran, ich wollte etwas tun, ich wollte etwas schaffen. Denn so war mein Leben bisher geprägt. Alles ging nun viel viel langsamer, wie in Zeitlupe. Es war schwer, sich umzugewöhnen. Ich hatte Gespräche, es wurde Diagnostik gemacht. Ich wollte eine Therapie.

Jemand läuft in großem Labyrinth aus Stahlwänden

Therapie

Nach der Tagesklinik begann ich dann mit einer ambulanten Therapie. Die erste Stunde war nicht sehr gut. Ich hatte das Gefühl, mit der Therapeutin nicht zurecht zu kommen. Ich wollte alles hinschmeißen. Freunde (auch aus der Tagesklinik) rieten mir aber, noch etwas durchzuhalten und die Probleme anzusprechen. Ich nahm allen meinen Mut zusammen und tat dies dann auch in der zweiten Stunde. Danach wurde es besser. Wir machten zu Beginn viel Diagnostik. Es kam heraus, dass ich wohl schon seit meiner Jugend an einer Depression litt, die sich über die Jahre chronifiziert hatte. Eine sogenannte Dysthymie. Diese ist vom Schweregrad eher leicht, aber dadurch dass sie quasi permanent da ist, leidet man auch permanent. Hinzu kamen gewisse Zwanghaftigkeiten, eine unsicher-vermeidende Persönlichkeit.

 

Im ersten Jahr war ich super motiviert. Ich tat alles. Nach einem Jahr hatte ich einige meiner Zwanghaftigkeiten abgebaut. Ich hatte gelernt, was es heißt, sich zu reflektieren, Dinge, Situationen und Gefühle anzunehmen und auszuhalten. Was es heißt, sich um sich selber zu kümmern. Ich habe zum ersten Mal gelernt, was Verantwortung wirklich heißt.

Frau steht vor Labyrinth aus Büschen (schwarz-weiß)

Therapiepause

Nach einem Jahr kam dann etwas gezwungenermaßen eine Pause. Ich war krank. Ich konnte kein Auto mehr fahren und somit nicht mehr zur Therapie gehen. Mir ging es sehr schlecht. Ich hatte das Gefühl, wieder in den totalen Abgrund zu geraten. Mir brach mit der Unmöglichkeit auf Therapie eine wichtige Säule in meinem Leben weg. Rückblickend frage ich mich heute manchmal, wie ich diese Zeit überlebt habe. Vielleicht mit Aushalten. Ich weiß es nicht. Ich war oft sehr hoffnungslos um am Ende meiner Kräfte, und doch habe ich irgendwie weiter gemacht.

Die Therapie geht weiter

Als ich dann die Therapie wieder aufnehmen konnte, ging es mir so schlecht, dass ein zweiter Tagesklinikaufenthalt anstand. Ich weiß noch, wie ich an diesem Tag dort saß. Wie ein Häufchen Elend. Ich habe mich selbst dafür abgewertet, wieder dort gelandet zu sein. Zwei Jahre nach der ersten Tagesklinik. Ich dachte, ich wäre besser, stärker als die anderen. Ich hatte versagt. Über die Wochen ging es mir dann langsam besser. Andererseits fragte ich mich ständig, wozu das alles eigentlich gut sein solle, wenn es einem langfristig ja dann doch nicht so richtig hilft.

Schwarze Linien aus Stoff wie ein Labyrinth auf weißem Untergrund (Schwarz-Weiß)

Heute

Heute, nach gut 3 Jahren Therapie, stehe ich da und frage mich, war es das alles wert. Wenn ich ehrlich bin, geht es mir nicht wirklich besser als vor 3 oder vor 5 Jahren. Ich leide nach wie vor. Nur jetzt um einiges bewusster. Die Wahrheit zu kennen, ist nicht immer hilfreich und von Vorteil. Es gibt Tage, an denen ich mir wünschte, ich hätte mit all dem nie angefangen. Aber nun stecke ich drin und muss irgendwie weitergehen. Sich seiner Krankheit bewusst zu sein, kann beruhigen, kann einem die Augen öffnen, kann helfen. Genauso gut kann es einen aber auch behindern. Ich lebe im ständigen Bewusstsein meiner Erkrankung. Ich habe das Gefühl, dass sich aktuell alles nur noch darum dreht. Dabei will ich gar nicht, dass mein Leben nur daraus besteht. Ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte. Ich hoffe, ich finde einen Weg daraus.

Von Ricarda.


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Kommentare

Steffen Ulrich
Vor 17 Tage

Hey Ricarda,
du zeichnest ein sehr düsteres Bild. In dir stecken viele negative Emotionen und ich sehe deinem Text an, dass dein Blick fürs Leben in dunklen Licht getrübt ist. Ja, du hast eine echt fiese Zeit durchgemacht und hast jetzt das Gefühl nichts erreicht zu haben und am Boden zu liegen, ohne die Möglichkeit aufzustehen.
Wenn dein Blick auf das negative Fokussierst, wird es zur selbsterfüllenden Prophezeihung. Das gute ist, es geht auch anders herum. So schwer es sein mag, so findet sich in allem was geschieht etwas wahrhaft Gutes.
So hast du zum Beispiel tiefste Tiefen überstanden, bist heute noch hier und überlegst, wie es weiter gehen kann. Du hast Situationen und Schmerzen ausgehalten, die für dich unvorstellbar, unerträglich und lebenszerreißend waren. Du hast das alles geschafft. Und du hast dabei ein Gefühl entwickelt, dem du vertrauen solltest: Wenn du das kannst, kannst du noch viel mehr aushalten und erreichen!