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Im Land der tiefen Hirnstimulatiion

Ich liege auf dem Op-Tisch, warm eingekuschelt in Decken und langsam tropft das Morphin in
meine Venen und mein Kopf wird müde, mein Körper entspannt sind. In ein paar Minuten werde
ich „weggedriftet“ sein. Dann werden 2 Löcher in meinen Schädel gebohrt, feine Drähte ins Gehirn
geschoben und unter dem Schlüsselbein eine Batterie eingesetzt.
Ein langer Weg liegt hinter mir, gesäumt von vielen kleinen Erfolgen und vielen großen
Enttäuschungen.

Leben mit der Depression

Seitdem ich denken kann, hatte ich depressive Episoden. Diese waren anfangs nur kurz- wenige
Tage – und reichten von Gefühlen der inneren Leere über Lustlosigkeit, dem Drang mich einzuigeln
und heftigem Weinen.
Während der Pubertät wurde es schlimmer. Aber es war auch irgendwie normal. Es schien zu mir zu
gehören. Die Symptome überkamen mich wie ein heftiger Herbststurm, dann schien alles wieder
normal zu sein.
Erst im Medizinstudium fiel mir auf, dass das, was ich durchlebe, nicht normal ist, sondern eine
Krankheit.
Wir hatten gerade die psychischen Erkrankungen durchgenommen. Als wir bei Depressionen
angelangt waren, schluckte ich innerlich und verglich meine Symptome mit denen am Whiteboard.
Sie stimmten weitestgehend überein.
Ich begann meine erste Psychotherapie, hatte erste stationäre Aufenthalte.
Diagnostiziert wurde ich schließlich mit Bipolar-II-Erkrankung. - Also Manisch-depressive
Erkrankung mit nur leichten Hochphasen, „Mini-Manien“. Ich bekam Medikamente. Sie wirkten
nicht. Ich bekam neue Medikamente. Sie halfen nur wenig.
Ich machte eine neue Psychotherapie, verbrachte 3 Monate auf Station. Wieder neue Medikamente.
Wieder Station. Dann Tagesklinik. Neue Psychotherapie, neue Medikamente. Tagesklinik.

Selbsttherapie mit Antidepressiva

Und dann plötzlich. Mir ging es besser. Ich hatte gerade ein neues Medikament ausprobiert.
Die Wirkung hielt ein paar Tage an, aber gab mir Hoffnung.
Ich begann die Dosis des Medikamentes zu erhöhen, zunächst bis zur maximal empfohlenen Dosis,
dann darüber hinaus.
Meine Stimmung normalisierte sich, der Antrieb auch, ich war geheilt - dachte ich.


Jede Aufnahme, Beendigung und Änderung einer Therapie mit Antidepressiva sollte in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen!

Die zu hohe Dosis des Medikamentes löste bei mir eine akute Psychose aus, ich bekam
Verfolgungswahn und sah Lichtblitze.
Doch kaum war die Psychose abgeklungen, war ich wieder bei meinem „Erfolgsmedikament“. Es
machte mich innerlich unruhig, ließ meinen Blutdruck in extreme Höhen steigen, aber es besserte
stundenweise meine Erkrankung.
Nach jeweils 4 h war die Wirkung vorbei und ich brauchte die nächste Dosis. Ich war abhängig
geworden, von meinen vermeintlichen „Wunderpillen“.
Irgendwann hatte meine Psychiaterin mich endlich überzeugt, das Medikament abzusetzen – auch
ich hatte Angst, irgendwann einen Schlaganfall zu erleiden.


Elektrokrampftherapie & Ketamin

Mir wurde dann vorgeschlagen, die EKT (Elektrokrampftherapie) auszuprobieren.
Bei der EKT wird unter Narkose ein epileptischer Anfall ausgelöst.
Ähnlich wie bei einem „Reset“ am Computer soll durch den künstlich herbeigeführten Anfall, das
Gehirn wieder in „gesunde bahnen kommen“.
12 Mal ließ ich das über mich ergehen. Es half jedoch nur geringfügig.
Dann bekam ich Infusionen mit Ketamin. Dieses Narkosemittel hilft oft akut bei schweren und
suizidalen Depressionen – aber leider nicht jedem.


Der Weg zum „Hirnschrittmacher“

Im Schnitt 10 Jahre dauert die Depression bei denen, wo die tiefe Hirnstimulation infrage kommt,
100 Stunden Psychotherapie, über 15 Medikamente, Ekt, Mao-Hemmer, Ketamin, unzählige teil-
und vollstationäre Aufenthalte liegen hinter jenen Patienten.
Das Zentrum für biologische Psychiatrie in Freiburg behandelt in Studien Patienten mit der tiefen
Hirnstimulation. Zwei Dritteln der Patienten kann dadurch geholfen werden – nachhaltig.
Die Studienergebnisse sind klar.
Unklar ist, wie und wieso die tiefe Hirnstimulation wirkt.
Bei dem Verfahren werden 2 hauchdünne Elektroden tief ins Gehirn platziert. Über einen Generator
(der unter das Schlüsselbein platziert wird), geben die Elektroden kontinuierlich Strom an das
umliegende Hirngewebe ab.
Dabei wird v.a. das sogenannte mediane Vorderhirnbündel stimuliert, welches eine wichtige Rolle
in der Wahrnehmung von Freunde und Belohnung zu spielen scheint.
Hoffnung
Doch das alles kümmert mich nicht. Mich kümmert, dass in meinem Kopf jetzt 2 feine Drähte
liegen und unter meinem Schlüsselbein ein kleines Gerät mit Batterie.
Meine Hoffnung.
Meine Hoffnung auf Besserung, auf Stabilität, vielleicht auf ein Leben ohne Depressionen?
Ein Leben, in dem ich wieder als Arzt werde arbeiten können?
Ich weiß es nicht.
Im Moment ist viel Hoffnung da.
Und das ist was zählt.


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